Warum Japans Fans nach Weltmeisterschaftsspielen immer aufräumen
"Ein Vogel hinterlässt nichts." Dieses japanische Sprichwort erklärt mehr über die Fanbasis der Samurai Blue als jede taktische Analyse es jemals könnte.
Seit Frankreich 1998 tun japanische Anhänger etwas, das die Welt alle vier Jahre immer noch innehalten lässt: Sie bleiben nach dem Abpfiff und reinigen das Stadion. Jeder Becher, jedes Papier, jedes liegengelassene Getränk. Verschwunden. Bei der WM 2022 in Katar schrieben Fans sogar Dankesnachrichten auf die Müllbeutel — auf Arabisch, Englisch und Japanisch. Sie werden dasselbe in Arlington und Monterrey tun, wenn Japans Gruppenspiele anstehen.
Das ist keine Inszenierung — das ist einfach Alltag
Dieses Verhalten ist keine PR-Kampagne oder ein koordinierter Social-Media-Moment. Es ist eher ein antrainierter Reflex. Japanische Kinder putzen bereits ab der Grundschule ihre eigenen Klassenzimmer — keine Hausmeister, nur Kinder mit Wischmopps und einem Verantwortungsgefühl. Diese Gewohnheit schaltet sich nicht ab, wenn sie ein Stadion mit 70.000 Plätzen betreten.
Koichi Nakano, Politikprofessor an der Sophia-Universität, brachte es auf den Punkt: "Japanische Sportfans bei internationalen Veranstaltungen, die das Stadion aufräumen, verhalten sich weitgehend genauso, wie sie es gelernt haben, als sie als Schuljungen und -mädchen Sport genossen."
Barbara Holthus, stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien, betrachtet es eher soziologisch als sentimental. "Menschen in Japan werden einfach anders sozialisiert", sagte sie der Associated Press. "Wenn man mit einer bestimmten Art und Weise aufwächst, wie Dinge erledigt werden, wendet man das auch darauf an, ein Stadion danach aufzuräumen." Das zugrunde liegende Konzept ist meiwaku — die Vorstellung, dass es andere zu belästigen ein soziales Versagen ist, nicht nur eine geringfügige Unhöflichkeit.
In einem Land, in dem Groß-Tokio allein 35 Millionen Menschen beherbergt, ist diese Ethik nicht optional. Sie ist Infrastruktur.
Es geht über die Tribünen hinaus
Bei der WM 2018 in Russland räumten Japans Spieler ihre Umkleidekabine auf, nachdem sie ausgeschieden waren — und hinterließen eine Dankesnachricht auf Russisch. Nach einem 1:0-Sieg gegen England in Wembley bei einem Freundschaftsspiel räumten die Fans auch Wembley auf. Es geschah bei der U20-Weltmeisterschaft in Chile. Toshi Yoshizawa, der diese Aufräumaktion leitete, sagte: "Wir sind mit der Lehre aufgewachsen, dass wir einen Ort sauberer hinterlassen sollten, als wir ihn vorgefunden haben."
William Kelly, Anthropologieprofessor in Yale, fügt eine interessante Nuance hinzu: Diese Tradition ist im Fußball stärker ausgeprägt als im japanischen Baseball. Seine Theorie ist, dass sich die J-League bei ihrer Gründung vor über 30 Jahren bewusst um Gemeinschaftsidentität und Vereinszugehörigkeit herum aufbaute — um sich von der Baseball-Kultur abzugrenzen. Fußballfans, so Kelly, "fühlten und fühlen sich stärker als Teil des Vereins und seines Stadions."
Es gibt auch eine mediale Rückkopplungsschleife. Die weltweite Berichterstattung über die Aufräumaktionen hat das Verhalten zu einer Quelle nationalen Stolzes gemacht, was es weiter verstärkt. Jeff Kingston von der Temple University in Japan bemerkt: "Jetzt, da die Medien die Geschichte aufgegriffen und japanische Fans mit Lob überschüttet haben, haben sie es sich zur Ehre gemacht, diese Werte und Normen zu zeigen."
Was auch immer Japan 2026 auf dem Platz leistet, die Tribünen werden makellos sein, wenn sie gehen. Daran besteht kein Zweifel.